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Globale Perspektiven zur Diagnose und Behandlung von ET und PV 

Clinical Thought
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Released: September 15, 2026

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In diesem themenspezifischen Kommentar erörtern internationale Experten aktuelle Themen zur Diagnose und Behandlung der essentiellen Thrombozythämie (ET) und der Polycythaemia vera (PV).

Global ET and PV (German)


Key Takeaways
  • Legen Sie den Schwerpunkt auf eine genaue Diagnose von ET und PV unter Anwendung eines strukturierten Ansatzes, der geeignete molekulare Untersuchungen und die Durchführung einer Knochenmarkbiopsie umfasst.
  • Im Mittelpunkt der Behandlung von PV und ET steht die Verringerung thrombotischer und hämorrhagischer Komplikationen durch risikoadaptierte Strategien, einschließlich der Zytoreduktion und des zunehmenden Einsatzes von Therapien mit potenziell krankheitsmodifizierender Wirkung. 
  • Neue Therapieansätze, darunter LSD1-Inhibitoren wie Bomedemstat, Hepcidin-Mimetika wie Rusfertide und auf mutiertes Calreticulin abzielende Immuntherapien, lenken das Fachgebiet in Richtung biologisch zielgerichteter Behandlungsstrategien mit dem Potenzial, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen. 

In diesem Kommentar befassen sich Dr. med. Ciro Rinaldi, PhD, und Dr. med. Alessandro M. Vannucchi mit aktuellen Themen im Zusammenhang mit der Diagnose und Behandlung der essenziellen Thrombozythämie (ET) und der Polycythaemia vera (PV). 

Schlüsselaspekte der Diagnose bei ET und PV

Alessandro M. Vannucchi, MD: Es gibt zwei Klassifikationssysteme (von der Weltgesundheitsorganisation und der International Consensus Classification Group) für myeloproliferative Neoplasien (MPN). Dabei ist zu beachten, dass die diagnostischen Kriterien für PV und ET in beiden Systemen im Wesentlichen identisch sind. Einer der wichtigsten Aspekte, der in beiden Klassifikationen hervorgehoben wird, ist die Bedeutung der Knochenmarkbiopsie. Trotz der Fortschritte in der molekularen Diagnostik bleibt die Histopathologie für die Erstellung einer genauen Diagnose von grundlegender Bedeutung. 

Ciro Rinaldi, MD, PhD: Dem stimme ich zu. Die Morphologie ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung, insbesondere bei der ET, da sie die einzige zuverlässige Methode darstellt, mit der sich eine „wahre“ ET von einer präfibrotischen Myelofibrose unterscheiden lässt. Patientinnen und Patienten weisen unter Umständen eine isolierte Thrombozytose auf und zeigen ansonsten klinisch ähnliche Symptome. Daher ist eine histologische Untersuchung unerlässlich.

Das Gleiche gilt für die PV. Bei vielen Patientinnen und Patienten tritt eine zufällig festgestellte Erythrozytose oder eine ungeklärte Thrombose ohne deutlich erhöhten Hämatokritwert auf. In diesen Fällen kann eine Knochenmarkuntersuchung zur Abklärung der Diagnose beitragen, Aufschluss über die Prognose geben und letztlich die Entscheidungen über die Nachsorge und die Behandlung beeinflussen.

Alessandro M. Vannucchi, MD: Auch molekulare Tests haben die Diagnostik grundlegend verändert. Bei einer PV weisen etwa 99 % der Patienten eine JAK2-Mutation auf, am häufigsten JAK2 V617F, wobei bei einer kleineren Untergruppe Mutationen im Exon 12 zu finden sind. Dies erweist sich als äußerst hilfreich bei der Unterscheidung zwischen einer PV und einer reaktiven Erythrozytose, selbst wenn die Mutationslast sehr gering ist.

Bei der ET zeigen etwa 60 % der Patienten JAK2-Mutationen, 20 % weisen CALR-Mutationen auf und 5 % haben MPL-Mutationen. Das bedeutet, dass bei 85 % bis 90 % der Patienten mit ET eine nachweisbare Treibermutation vorliegt. Etwa 10 % weisen jedoch keine dieser Treibermutationen auf, was die Diagnose erschwert. In diesen Fällen müssen medizinische Fachkräfte sorgfältige Untersuchungen durchführen, um eine reaktive Thrombozytose, eine familiäre Thrombozytose sowie entzündliche oder maligne Erkrankungen auszuschließen. Möglicherweise sind zusätzliche Untersuchungen auf Nicht-Treibermutationen wie TET2 oder ASXL1 oder auf zytogenetische Anomalien erforderlich, die häufig in spezialisierten Referenzzentren durchgeführt werden, um den klonalen Charakter der Thrombozytose nachzuweisen.

Ciro Rinaldi, MD, PhD: Bei Patienten, bei denen thrombotische Ereignisse auftreten, ist es wichtig, den Verdacht auf eine MPN in Betracht zu ziehen. Eine Thrombose der splanchnischen Venen – einschließlich einer Thrombose der Pfortader, der Milzvene oder der Mesenterialvenen – sollte sofort den Verdacht auf eine MPN Erkrankung wecken. Wir wissen, dass MPNs, insbesondere solche, die durch eine JAK2-Mutationen verursacht werden, an ungewöhnlichen Stellen Blutgerinnsel verursachen können. In diesen Fällen sollten medizinische Fachkräfte einen JAK2-Test anordnen und eine Überweisung an die Hämatologie in Betracht ziehen.

Entsprechend sollten jüngere Patientinnen und Patienten mit ungeklärten arteriellen Ereignissen wie transitorischen ischämischen Attacken oder Schlaganfällen sorgfältig untersucht werden, insbesondere wenn eine anhaltende Thrombozytose oder Erythrozytose vorliegt. Selbst eine leichte, aber anhaltende Thrombozytose über 450 × 10⁹/l rechtfertigt die Abklärung einer MPN.

Alessandro M. Vannucchi, MD: Es ist äußerst wichtig, die richtige Diagnose zu stellen, da diese einen direkten Einfluss auf die weitere Behandlung hat. Beispielsweise benötigen Patientinnen und Patienten mit einer Splanchnikusvenenthrombose im Zusammenhang mit einer MPN häufig eine lebenslange Antikoagulation. Eine genaue Diagnose liefert zudem wichtige Informationen für die Prognose und die langfristige Überwachung, insbesondere da diese chronischen Erkrankungen das Risiko einer Progression zu einer Myelofibrose oder, seltener, zu einer akuten Leukämie bergen.

Aktuelle Behandlungsansätze bei PV

Alessandro M. Vannucchi, MD: Die Behandlung der PV stützte sich in der Vergangenheit auf ältere therapeutische Ansätze. Heute jedoch vollzieht sich in diesem Bereich ein grundlegender Wandel. Einer der Grundsätze besteht weiterhin darin, den Hämatokritwert unter 45 % zu halten, was in einer prospektiven Phase-III-Studie nachweislich zu einer signifikanten Senkung des Thromboserisikos geführt hat. Ein weiterer Eckpfeiler der Therapie ist niedrig dosiertes Aspirin, das thrombotische Ereignisse verringert, ohne das Blutungsrisiko nennenswert zu erhöhen.

Patientinnen und Patienten mit PV werden üblicherweise anhand ihres Alters und ihrer Thromboseanamnese in Gruppen mit geringem und hohem Risiko eingeteilt. Patientinnen und Patienten unter 60 Jahren ohne vorangegangene Thrombose gelten als risikoarm und können allein mit Phlebotomie und Aspirin behandelt werden. Bei Patientinnen und Patienten mit hohem Risiko muss eine zytoreduktive Therapie durchgeführt werden, wobei Hydroxyharnstoff nach wie vor das Standardmedikament der Erstlinienbehandlung ist.

Hydroxyharnstoff ist wirksam, doch bei einigen Patientinnen und Patienten treten Zytopenien, mukokutane Toxizitäten oder Unverträglichkeiten auf, die den Einsatz dieses Wirkstoffs einschränken. Bei Patientinnen und Patienten, die auf Hydroxyharnstoff nicht ansprechen oder dieses Medikament nicht vertragen, hat sich in Phase-III-Studien gezeigt, dass der JAK-Inhibitor Ruxolitinib den Hämatokritwert wirksam kontrolliert, die Milzvergrößerung verringert und die Symptome lindert.

Wir haben mittlerweile auch zunehmend Erfahrung mit pegylierten Interferonen sammeln können, insbesondere mit Ropeginterferon, einem langwirksamen Interferon, das die Hämatokritwerte stabil halten kann, ohne dass eine fortlaufende Phlebotomie erforderlich ist, und gleichzeitig die Symptome lindert sowie die Splenomegalie kontrolliert.

Wichtig ist, dass sich unsere therapeutischen Ziele über die reine Thromboseprophylaxe hinaus weiterentwickeln. Es gibt immer mehr Belege dafür, dass Wirkstoffe wie Interferone krankheitsmodifizierende Wirkungen entfalten können. Dies zeigt sich in einer Verringerung der JAK2 Allellast und einem verbesserten ereignisfreien Überleben. Dies ermöglicht die Perspektive, dass eine derartige Therapie den natürlichen Krankheitsverlauf beeinflussen könnte.

Aktuelle Behandlungsansätze bei ET

Ciro Rinaldi, MD, PhD: Bei der ET konzentrierte sich die Behandlung in der Vergangenheit in erster Linie auf die Senkung des Thrombose- und Blutungsrisikos und weniger auf die Beeinflussung der Krankheitsbiologie. Die Risikostratifizierung spielt nach wie vor eine zentrale Rolle und stützt sich weiterhin weitgehend auf das Alter, die Thrombozytenzahl, die thrombotische Vorgeschichte, kardiovaskuläre Risikofaktoren sowie – seit kurzem – die JAK2-V617F-Mutation.

Patientinnen und Patienten mit einer Thrombozytenzahl von über 1500 × 10⁹/l werden nicht nur wegen des Thromboserisikos behandelt, sondern auch, um das Blutungsrisiko zu senken. Der Schwerpunkt der Therapie liegt weiterhin auf der zytoreduktiven Behandlung mit Hydroxyharnstoff oder einer auf Interferon basierenden Therapie. Hydroxyharnstoff wird seit Jahrzehnten eingesetzt und ist nach wie vor äußerst wirksam bei der Thromboseprophylaxe. Auch pegyliertes Interferon wird zunehmend eingesetzt und könnte ein krankheitsmodifizierendes Potenzial haben.

Die Wahl der Behandlung wird häufig individuell an das Alter und die Wünsche der Patientin/des Patienten angepasst. Bei jüngeren Patientinnen und Patienten, insbesondere bei solchen unter 40 Jahren, wird in der Regel Interferon bevorzugt. Bei älteren Patientinnen und Patienten wird weiterhin häufig Hydroxyharnstoff eingesetzt, obwohl viele medizinische Fachkräfte mittlerweile beide Optionen mit den Patientinnen und Patienten besprechen.

Alessandro M. Vannucchi, MD: Personen mittleren Alters, also etwa zwischen 40 und 60 Jahren, stellen oft die am stärksten differenzierte Gruppe dar. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Mutationsstatus. Patienten mit CALR-mutierter ET, bei denen keine kardiovaskulären Risikofaktoren vorliegen, profitieren möglicherweise nicht von einer Aspirin Therapie. Daher erfordert die Behandlung zunehmend einen individuellen und umfassend angelegten Ansatz.

Neue Therapien und zukünftige Entwicklungen

Ciro Rinaldi, MD, PhD: Derzeit sind eine Reihe von Therapien in der Erprobungsphase, die das Behandlungsspektrum grundlegend verändern könnten. LSD1-Hemmer wie Bomedemstat haben bei der essenziellen Thrombozythämie (ET) und der Polycythaemia vera (PV) eine vielversprechende Wirksamkeit gezeigt. Sie senken nicht nur die Thrombozytose und Erythrozytose, sondern entfalten möglicherweise auch krankheitsmodifizierende Wirkungen.

Eine weitere neuartige Wirkstoffklasse im Bereich der PV sind Hepcidin-Mimetika wie Rusfertide, die im Wesentlichen eine „chemische Phlebotomie“ bewirken, indem sie die Eisenverwertung im Knochenmark einschränken. Dies ermöglicht die Kontrolle des Hämatokrits, ohne einen Eisenmangel hervorzurufen, wie er bei wiederholter Phlebotomie auftritt.

Alessandro M. Vannucchi, MD: Auch immuntherapeutische Ansätze gewinnen an Bedeutung. Besonders vielversprechend sind erste Studien zur Bewertung monoklonaler Antikörper, die gegen mutiertes Calreticulin gerichtet sind. Auch wenn Calreticulin normalerweise ein zytoplasmatisches Protein ist, kann das mutierte Protein in Verbindung mit dem Thrombopoietin-Rezeptor an der Zellmembran exprimiert und als Zielmolekül genutzt werden.

Diese Entwicklungen könnten letztendlich den Weg für hochspezifische Immuntherapien ebnen, einschließlich potenzieller CAR-T-Zell-Therapieansätze. Auch wenn es noch zu früh ist, besteht langfristig die Hoffnung, dass diese Strategien über die Krankheitsbekämpfung hinaus zu einer tatsächlichen Eliminierung des Klons oder einer Heilung führen könnten.

Ciro Rinaldi, MD, PhD: Dem stimme ich zu. Über viele Jahre hinweg lag der Schwerpunkt unserer Therapien in erster Linie auf der Eindämmung und Verhinderung von Komplikationen. Das neue Ziel ist jedoch zunehmend die Modifikation des Krankheitsverlaufs und möglicherweise sogar die Heilung – was nach wie vor eines der größten ungedeckten Bedürfnisse bei ET und PV ist.

Was ist Ihre Meinung dazu?
Auf welche Herausforderungen sind Sie bei der Diagnose und Behandlung von ET und PV gestoßen? Beteiligen Sie sich an der Diskussion, indem Sie einen Kommentar hinterlassen oder die Abstimmungsfrage beantworten.

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Wie oft führen Sie in Ihrer derzeitigen Praxis eine Knochenmarkbiopsie durch, um die Diagnose einer PV bei Patientinnen und Patienten zu bestätigen, bei denen die Kriterien hinsichtlich Hämoglobin/Hämatokrit und der JAK2-Mutation erfüllt sind? 

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